Verkehrswende in Freiburg? Neue Mittel, neue Wege

Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Wolfgang Gruel, Martin Horn und Ulrich Prediger

Die Veranstaltung wurde durch die Elektrizitätswerke Schönau EWS und das JobRad Freiburg organisiert und fand im Vorderhaus in Freiburg statt.

Die Zeichen stehen auf weniger Pkw-Besitz in der Zukunft. Die Art und Weise, wie derzeit je ein Auto an eine Person verkauft wird, wird nicht für immer ein nachhaltiges Geschäftsmodell sein. Unternehmen setzen auf so viele Transportmodelle wie möglich – und das so schnell wie möglich (Quelle: Carsplaining 2019). Der erste Sprecher der Podiumsdiskussion war Prof. Dr. Wolfgang Gruel, Dozent der Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Professor Gruel beschäftigt sich im Rahmen seiner Forschung unter anderem mit Möglichkeiten zur Reduktion von Autos im urbanen Raum. Als Beispiele dafür nannte er Angebote wie Carsharing, Ridehailing oder Ridepooling.


Exkurs: Definitionen & Beispiele:
Carsharing – Stationäre Angebote Peer-to-Peer und free-floating
Dies ist die wohl mit die bekannteste Art des Carsharings und kann einige Unter-Formen wie stationäres Carsharing, free-floating oder Peer-to-Peer annehmen.
Wie funktioniert‘s?
Gebucht wird das Auto, je nach Anbieter, meist über eine Website oder eine App. In Freiburg sind beispielsweise Stadtmobil oder die Grüne Flotte dafür bekannte Anbieter. Selbst die Deutsche Bahn macht mit einem eigenen Carsharing Angebot, dem flinkster, mit.
Die Mitglieder der Plattformen können ein Auto im Servicebereich buchen, für einen bestimmten Zeitraum freischalten und damit minutengenau fahren. Anschließend muss das Fahrzeug wieder am Ausgangsort der Buchung abgestellt werden. Auch, wenn sich dieser kilometerweit vom eigentlichen Zielort entfernt befindet. Beispiele hierfür sind free-floating Carsharing-Dienste. Diese arbeiten im Gegensatz zu den klassischen Anbietern ohne feste Standorte. Das bedeutet, dass man nach das Auto nach der Buchung nicht am selben Standort abstellen muss. Ein Beispiel hierfür ist car2go, ein Car Sharing Service von Mercedes, der für seine Smarts bekannt ist.
Peer-to-Peer-Angebot bedeutet, dass man sein Auto während einer bestimmten Zeit weitervermietet, beispielsweise an seine Nachbarn, Kollegen, usw. Diese Angebote funktionieren am besten in der Stadt, wo eine erhöhte Bevölkerungsdichte herrscht.
2. Ride Sharing, Carpooling, Ridehailing, Ridepooling
Diese Art der Fortbewegung kommt der klassischen „Mitfahrgelegenheit“ am nächsten. Auch wenn es viele Namen dafür gibt, meinen diese alle eine ähnliche Fortbewegungsart und sind mittels einer App organisierte Fahrgemeinschaften. Die Shuttles für Menschen, die in die gleiche Richtung fahren möchten, sind vor allem durch die App Uber bekannt geworden.
Wie funktioniert‘s?
Im Grunde laden Sie eine App herunter, ebenso wie der Fahrer. Sie öffnen die App, geben Ihre Zahlungsinformationen ein und beginnen eine Fahrt. Ein Fahrer wird diese Anfrage in seinem eigenen persönlichen Auto beantworten, nicht in einem Taxi. Die App sagt Ihnen, wo die Abholung stattfinden wird, und Sie teilen dem Fahrer mit, wo er Sie absetzen soll. Wenn die Fahrt vorbei ist, wird über die App bezahlt. Ein klassischer Anbieter hierfür ist Uber.


Nach diesem kurzen Exkurs in die Welt der Carsharing-Angebote geht es weiter mit Fragen zum derzeitigen Stand in Freiburg, zu Maßnahmen und zu möglichen Lösungsansätzen.

Bürgermeister Horn: liegt die Zukunft einer nachhaltigen Mobilität im Teilen?

„Auch wenn Freiburg in vielen Bereichen sehr vorbildlich ist, besteht eine höhere Kfz-Quote als noch vor 20 Jahren. Freiburg hat eine Kfz-Zunahme von 23 %, das sind mehr Autos als Zuzug und aktuell eine zu hohe Autodichte in Freiburg.“

Prof. Gruel stellt diesbezüglich mögliche Handlungsfelder vor, durch die eine nachhaltige Entwicklung erreicht werden könnte:

Was kann getan werden, um eine nachhaltigere Entwicklung anzustoßen?

Die Nutzung nicht nachhaltiger Verkehrsträger sollte weniger attraktiv gestaltet werden. Das Angebot besserer Alternativen sollte gestärkt, ausgebaut und für alle zugängig gemacht werden. Darüber hinaus ist die Festsetzung guter Mobilitäts- und Landnutzungsrichtlinien von enormer Bedeutung. Möglichkeiten wären Zugangsbeschränkungen in Form von Mautgebühren oder die Erhöhung der Energiepreise.

Dies könnte beispielsweise durch eine CO2-Steuer auf Autoabgase durchgesetzt werden. Die Besteuerung von Kohlenmonoxid könnte als Maßnahme ebenfalls als Konzept zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels Wirkung zeigen und die Erderwärmung in Zukunft nachhaltig verlangsamen oder begrenzen (Schierer, M. 2019).

 Fazit seines Vortrags ist, dass es bisher viele Insel-Lösungen gibt, allerdings keine gemeinschaftliche Herangehensweise. Wie können gute Lösungen mit den Bedürfnissen der Bürger zusammengebracht werden? Die Schaffung neuer Angebote, die auf verschiedene Situationen und Bedürfnisse eingehen, könnte eine Lösung sein. Hier erwähnte Herr Gruel die App „Moovel“. Diese versucht, von den Bedürfnissen der App-Nutzer auszugehen, sie integriert verschiedene Mobilitätsformen und Verkehrsunternehmen und sucht das beste Verkehrsmittel für eine bestimmte Situation heraus. Diese Art der Herangehensweise, „Mass Customized Mobility“, geht von individuellen Bedürfnissen der Kunden aus und setzt eine gute Infrastruktur von Soft- (Apps, Schnittstellen, gute User Interfaces usw.) und Hardware (Autos, Tretroller etc.) voraus. Dadurch sollen die Ansprüche von Nachfragern und Anbietern gleichermaßen erfüllt werden.

Hier ergeben sich erste Probleme. Es entsteht ein Teufelskreis, denn bei zunehmender Attraktivität der unterschiedlichen Verkehrsangebote nehmen auch  Mobilitätsnutzung und Emissionen erneut zu.

Doch helfen der Aus- und Umbau der Energieangebote wirklich bei der grundlegenden Problematik einer nachhaltigen Verkehrswende? Was soll  erreicht werden?

Prof. Gruel verweist auf eine Äußerung zur Problematik des derzeitigen Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer. Dieser steht gerade im Zentrum der politischen Auseinandersetzung und meint, „Die Menschen wollten, dass die Politik das Klima schützt und die Luft rein halten, allerdings nicht mit Fahrverboten, Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Steuererhöhungen.“ (Automobilwoche 2019). Hier wird der Zwiespalt zwischen Veränderung und Veränderungswillen sowie der Diskrepanz zwischen der politischen Umsetzung und den gesellschaftlichen Wünschen deutlich.

Bürgermeister Martin Horn wirft ein, dass dem Gewohnheitsdenken ein Umdenken – in der Gesellschaft ganz genauso wie in der Politik –vorangehen muss.

Wie kann dieser Zwiespalt gelöst, wie ein Umdenken in Gesellschaft und Politik erreicht werden?

 Vielleicht muss an der grundlegenden Frage angesetzt werden. Vielleich muss man weg von der Frage einer effizienteren Mobilität hin zu einer Frage eines besser organsierteren gesellschaftlichen Lebens. Gruels Idee ist eine interaktivere Planung von Mobilitäts- und Stadtplanern, eine Veränderung von statischer zu dynamischer Planung.

 Wie wird die Stadt Freiburg sich in Zukunft dazu positionieren?

Dazu hatte Ulrich Prediger von Jobrad eine Idee: Um ein Aufbrechen der Auto-Affinität zu erreichen und dem „Umverteilungskampf“ zu begegnen, sollte die Stadt mutigere und innovativere Ansätze verfolgen. Viele (junge) Menschen würden lieber individuell und selbstbestimmt wählen, welche Verkehrsmittel sie nutzen. Und das im privaten wie auch im geschäftlichen Umfeld.

Prediger verweist auf das Best Practice Beispiel Kopenhagen. Dort fahren 64 % der Bewohner mit dem Rad zur Arbeit oder ihrer Ausbildungsstätte und nur 10% nutzen hierfür ein Auto (Bosch 2016). Die Dänen haben bereits zahlreiche Maßnahmen – breite Wege, Fahrradgaragen, die grüne Fahrradwelle – umgesetzt, die ihre BürgerInnen wirkungsvoll zu FahrradfahrerInnen erziehen (Strittmater 2019).

Mögliche Optionen und Maßnahmen zur Durchsetzung einer nachhaltigen Mobilitätswende

RadfahrerInnen dürfen beispielsweise 2 bis 3 Sekunden vor Autos losfahren, Radwege werden im Winter zuerst geräumt und sind generell breiter als in der bisherigen Stadtplanung üblich, sodass das Sicherheitsgefühl der Radfahrer enorm gestärkt wird. So erhalten alle Verkehrsteilnehmer eine gleichwertige Nutzung der zur Verfügung stehenden Fläche. Diese Annahmen und Maßnahmen bestätigt und untersucht auch das Institut für innovative Städte in seinem Handbuch „Radverkehr in der Kommune“. Der gefeierte Kopenhagener Stadtplaner Mikael Colville-Andersen ist für seinen Entwicklung des „Copenhagenize-Index“ bekannt und wird weltweit für sein stadtplanerisches Vorgehen zur gefeiert. Der Index erfasst mit Hilfe von 13 Parametern in 120 Städten beispielsweise die Länge des Radwegenetzes, den Ausbau der Infrastruktur oder den Mix der Verkehrsmittel und den politischen Veränderungs-Willen.

JobRad: Das Dienstrad als gleichwertige Alternative zum „Statussymbol“ Dienstwagen

Die Geschäftsführer Prediger und Tumat gründeten JobRad im Jahr 2012 mit dem Ziel, das „Prestigeobjekt Firmenauto“ auf den Straßen zu minimieren, mehr Individualität und Eigenständigkeit von Arbeitnehmern bei der Auswahl eines Dienstautos zu erreichen und so ganz nebenbei auch noch die Umwelt zu schonen und zu schützen.

Ein Ziel ist die Etablierung des Dienstfahrrads als gleichwertige Alternative zum Dienstwagen. Dies hat positive Folgen und schlägt viele Fliegen mit einem Rad: gesteigerte Mobilität führt zu mehr Gesundheit der Mitarbeiter, Klimaschutz wird gelebt und macht so am Ende sogar noch Spaß.

Nach einem anstrengenden Start im Jahr 2008, lernten sich Prediger und Tumat 2011 kennen und es bildet sich eine Synergie aus Liebe zum Fahrrad, gemeinsamer Gründungserfahrung und ähnlichen Werten. Nach einer weit geplanten Informationskampagne bekommen die Gründer im November 2012 auch von politischer und steuerlicher Seite Zuspruch, denn ab 2012 werden Diensträder und Dienstwagen steuerlich gleichbehandelt (JOBRAD 2019).

Der neue Steuererlass für Diensträder und –Pedelecs, die sogenannte „0,5 %-Regel“, die am 14.03.2019 in Kraft trat, komplettiert das Bundesgesetz von 2012. Sie zeigt, dass die Gründer mit ihrer Vision auf dem richtigen Weg sind und unterstützt die Vision erneut und auch in Zukunft. Durch die per Erlass geregelte steuerliche Behandlung der Überlassung von (E-) Fahrrädern von den obersten Finanzbehörden der Länder werden Leasing-Diensträder im Fall einer Gehaltsumwandlung für Angestellte noch attraktiver.

Prediger, Horn und Gruel bei der Fragerunde

Fragerunde & Diskussion

Abschließend an den Vortrag wird über verschiedene, seitens der Bürger, wie auch der Politik aufkommende Fragen diskutiert.

Horn wirft bezüglich einer nachhaltigen Mobilitätswende in die Runde, dass gerade in Freiburg, der „Stadt der kurzen Wege“, die Autodichte noch viel zu hoch sei. Es sei außerdem nicht nachhaltig, lokal keine Geschäfte und Einkaufsmöglichkeiten zu haben, hier müsse ein Quartierskonzept mit lokalen Angeboten geschaffen werden, das die Bedürfnisse der Bevölkerung erfülle.

 Professor Gruel geht konform, und meint, dass „nur etwas veränderbar sei, wenn man die Menschen mitnehme und ihre Standpunkte verstehe“.

 Horn: „Die neuen Stadtteile werden bereits mit weniger Autos geplant (Dietenbach, Stühlinger West). In Zukunft müssen zusätzlich (noch mehr) gute Park & Ride-Parkplätze vor der Stadt geschaffen werden.“

Was kann schon heute getan werden, damit die Menschen die für sie am besten geeigneten Verkehrsmittel nutzen?

Die Angebote sollten akzeptabel für Nutzer und Anbieter gestaltet werden. Gruel: Um Kundengewohnheiten zu ändern brauchen wir viele Angebote, die kundenfreundlich und niedrigschwellig gestaltet werden. So können mehr Nutzer dazu gebracht werden, auf nachhaltigere Mobilitätsangebote umzusteigen.

Wie kann der Mobilitätsmix gestaltet werden? Gruels Idee: Beispielsweise lieber voll besetzte und dafür kleinere Shuttle-Busse, statt großer, dafür nur halbvoller Busse.

 Resümee

Trotz eines leichten Plus für das Rad und den öffentlichen Verkehr und einer leichten Verringerung im Jahr 2017, entfallen immer noch circa 60 % der alltäglichen (Arbeits-) Wege in Deutschland auf den motorisierten Individualverkehr (MIV). Diese Daten entspringen einer der wichtigsten Kennwerte, dem „Modal Split“, dieser drückt die prozentualen Anteile der Verkehrsmittel am gesamten Verkehrsaufkommen und damit allen zurückgelegten Wegen aus.

Zur Erinnerung: 60% der täglichen (Arbeits-) Wege in Deutschland, die mit dem Auto zurückgelegt werden, sind im Durchschnitt unter 8,1 km lang (Quelle: Follmer, Fruschwitz, in: Infas, MID 2017, S. 19). An dieser Zahl kann man arbeiten. Eine Zahl von 60% im MIV von Autos ist vermeidbar. Beispielsweise durch die Bereitstellung anderer Mobilitätsangebote und einem guten Mobilitäts-Mix. Dieser könnte aus gut ausgebauter Infrastruktur oder der Verfügbarkeit ganz anderer Verkehrsmittel wie zum Beispiel E-Fahrzeugen, einem günstigen und für alle zugänglichen ÖPNV, flexiblen Carsharing-Pools, und beispielsweise der Unterstützung nachhaltiger Projekte wie der von JobRad erreicht werden.

Die Angebote, Ideen und Möglichkeiten für die Gestaltung einer nachhaltigen Mobilitätswende sind vorhanden, sie müssen nur noch umgesetzt und genutzt werden.

Weiterführende Infos

Quellen:

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